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(2003) Krisenmanagement an der Basler Arbeitslosenfront

der Arbeitsmarkt vom Juni 2003

Seit 1984 setzt die Basler Kontaktstelle für Arbeitslose Impulse zur Selbsthilfe. Die vertrauensvolle Beratung «aus den eigenen Reihen» wirkt motivierend und entschärft Konflikte. Konstantes Engagement gepaart mit Kreativität generiert verschiedenste Selbsthilfe- projekte mit hohem Identifikationswert.

Text Adrian Schlumpf Fotos Simone Gloor

"Wir brauchen einen Schlitten und keinen Karren!", stöhnten die Zwanzig von der Basler Kontaktstelle für Arbeitslose, als sie im Winter 1996 mit ihrem Gepäckwagen in den verschneiten Jurabergen stecken blieben. Während das Gepäck per Postauto weiterreiste, stapften sie weiter Richtung Bern. Die Erwerbslosen übernachteten in Zivilschutzanlagen und kamen nach drei Tagen in Bern an. Eigentlich wollten sie sich noch mit anderen Erwerbslosenorganistionen treffen und Eine Kundgebung gegen die damalige AVlG-Revision machen. doch von ihrer Müdigkeit übermannt stiegen sie gleich in den Zug zurück nach Basel. Dies war nur eines ihrer zahlreichen und originellen Projekte, aber längst nicht alle endeten derart abrupt und ergebnislos. Die Kontaktstelle für Arbeitslose (KSt) ist als Selbsthilfeprojekt von und für Arbeitslose entstanden. Hans-Georg Heimann war von Anfang an dabei und amtet heute als Geschäftsleiter der Kontaktstelle. Der 1952 in Ostermundigen geborene fühlte sich von der Industriestadt Basel angezogen und absolvierte dort die Ausbildung zum Chemiker. Geläutert von der Industrieromantik der rauchenden Schlote arbeitete er später für vier Jahre als Kindergärtner, wurde dann aber arbeitslos. Er stand zu seiner Arbeitslosigkeit, lernte seine Krise als Chance zu interpretieren und gestaltete sie bewusst.

Tatkräftige Arbeitslose mit Pioniergeist

Mit Gleichgesinnten gründete er 1984 die Basler Kontaktstelle für Arbeitslose. Während elf Jahren war sie in einem Bürocontainer gleich hinter dem Arbeitsamt an der Utengasse untergebracht. "Der damalige Arbeitsinspektor war sehr interessiert an der Zusammenarbeit mit uns und wir tauschten rege Ideen und Informationen aus", erinnert sich Hans-Georg Heimann. Die Hauptaufgabe der KSt lag immer in der Beratung Arbeitsloser. Doch auch die Unterstützung im Umgang mit Behörden, die Vermittlung an andere Sozial- und Beratungsstellen so- wie die Begleitung von Projekten gehören zur Arbeit. Als 1989 das Geschäft mit den Temporärbüros wucherte, weil sie vom Gesetz noch nicht im Zaumgehalten wurden, vereinte die KSt die nicht organisierten Kräfte und gründete die Interprofessionelle Gewerkschaft für Arbeitslose (IGA). 1993 suchte die KSt nach einem neuen Betätigungsfeld und gründete. das Arbeitslosenkomitee der Region Basel (AKB).

Selbsthilfeprojekte: vom Textilatelier zur «Surprise»

Das AKB gab den Startschuss für einen Fabrikumbau am Bläsiring 86, um verschiedene Selbsthilfeprojekte zu verwirklichen. Die beteiligten Arbeitslosen bauten darin ein Textilatelier auf und richteten einen Mittagstisch ein. Heute werden die Räumlichkeiten für das Beschäftigungsprogramm "Stoffnetz" und von einem Architekturbüro genutzt. 1994 wurde ein Computerraum zu Weiterbildungszwecken eingerichtet, der heute am selben Ort domiziliert ist wie die KSt. Nicht ohne Stolz bemerkt Heimann, dass in der Zeit auch die Geburtsstunde des Strassenmagazins "Surprise" schlug - unter dem Namen "Stempelkissen". Am Anfang wurde die Zeitschrift als gefaltetes A2-Blatt herausgegeben und umfasste acht Seiten. Der Preis betrug einen Franken und schon damals bekamen die Verkäufer die Hälfte pro verkauftes Exemplar. Das Blatt startete mir einer Auflage von l0 000 Exemplaren. Wertvolles Feedback zum ganzen Projekt kam dabei von einem Studenten, der alle Aktivitäten der KSt begleitete und darüber ein umfangreiche und differenzierte Lizentiatsarbeit in Soziologie schrieb. Dank ihm gelang es. Leerläufe zu vermeiden, Arbeitsabläufe besser zu strukturieren und psychische Krisen besser zu verarbeiten. Bei der wöchentlichen Redaktionssitzung von "Surprise" an denen manchmal 25 Leute anwesend waren, blockierte eint ein Teilnehmer die ganze Sitzung. Er spie Gift und Galle, weil er kurz zuvor während eines Vorstellungsgesprächs runtergeputzt wurde. Dank des beobachtenden Soziologiestudenten wurde der Ausbruch thematisiert und "Streitkultur" wurde zum Thema der folgenden Ausgabe. "Zunächst entstand daraus noch mehr Ärger. Denn die Leute hatten nun die befreiende und spielerische Seite des Streitens entdeckt. Sie übten es bewusst oder zelebrierten es gar". sagt Heirnann sichtlich amüsiert und fügt an, dass die Streiterfahrungen sehr nützlich waren. "Surprise" war einzig ihr unregelmässiges Erscheinen, weil die Stellenlosen nicht immer verfügbar waren. 1997 zogen die Beteiligten das Blatt deshalb professionell auf und "Surprise" wird seit 1998 von einem selbstständigen Verein herausgegeben. Auch die heutige Phönix-Druck Genossenschaft ist ein Kind des Arbeitslosenkomitees, welches der Kontaktstelle angegliedert ist, Phönix wurde 1995 gegründet und bietet heule ein umfassendes Dienstleistungsangebot.

Das Prinzip Hoffnung versus wachsende Problerne

Heimanns Alltag sieht freilich nicht immer so spektakulär aus. Hinter den Erfolgen der Selbsthilfeprojekte stecken viel Idealismus und konstantes Engagement. Am meisten Zeit wendet die KSt für Beratungen auf. Jährlich fallen etwa 4500 Konsultationen an. Teilweise in unbezahlter Stellung arbeiten seit Beginn Personen aus verschiedenen Ländern mit. Die Beratungen können deshalb in Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Türkisch, Albanisch und in Tamil angeboten werden. Diese Sprachvielfalt ist wichtig, denn gerade ausländische Personen haben oft Angst, dass bei Zahlungsschwierigkeilen der Gang auf die Fürsorge ihren Aufenthaltsstatus gefährden könnte.
In festem Arbeitsverhältnis mit der KSt stehen neben Heimann noch Cathérine Merz, die ebenfalls beratend tätig ist, sowie Claudia Studer, welche die Projektbearbeitung betreut und Eingaben einreicht. Sie schreibt beispielsweise Unterstützungsgesuche an Stiftungen und andere Geldgeber, Das Beratungsspektrum reicht von rechtlichen Informationen über die Arbeitslosenversicherungen, insbesondere über die Arbeitslosenversicherung und deren Verfügungen. bis hin zu fragen zur Sozialhilfe. Die KSt bietet auch arbeitsrechtliche Tipps zur Schwanger- und Mutterschaft. Ideen zur Arbeitssuche, Hilfe bei Steuerfragen und Betreibungen bis hin zu Übersetzungen und Beratungen für die selbständige Erwerbsarbeit an. Zugenommen haben in den letzten Jahren die Anfragen wegen Budgetproblemen aufgrund tiefer Löhne. Auch Anfragen wegen Spannungen am Arbeitsplatz und Mobbing werden immer häufiger, Die KSt hat deshalb eine Informationsbroschüre dazu ausgearbeitet und stellt Kontakte zu Fachpersonen her.
Der Problemdruck der Langzeitarbeitslosigkeit lastet längst auch auf der Schweiz. Die beratende Begleitung von Menschen, die sich in äusserst schwierigen Situationen befinden. hat deshalb stark zugenommen. Die Betroffenen sind meistens von der Fürsorge abhängig. Das Gefühl des Versagens schlägt ihnen auf die Gesundheit, was wiederum den persönlichen Eindruck bei der Stellensuche verschlechtert und ihre Aussicht auf eine neue Stelle verminindert. Diese "Abwärtsspirale" wird die Kontaktstelle auch in den nächsten Jahren beschäftigen. Der ständige und intensive Umgang mit Menschen in prekären Situationen hat die KSt veranlasst sich psychologisch weiterzubilden und eine ständige Supervision für das Beraterteam einzurichten, denn es geschieht immer häufiger, dass die Leute aus der Haut fahren. Die KSt leistet einen wichtigen beitrag zur Entspannung von Konfliktsituationen in der Stadt, denn "viele Leute, die einen Konflikt beim Amt hatten, kommen zu uns und hier wird dann die Situation Entschäftz", sagt Heimann lächelnd und zieht die linke Augenbraue hoch. Flexibilität und Weiterbildung, insbesondere in rechtlichen Belangen, waren von Anfang an das A und O der Konstaktstelle. "Im Bereich der Erwerbslosigkeit gibt es keine Patentrezepte, Projekte mit exploratorischem Charakter bleiben auch in Zukunft eine Notwendigkeit", betont Heimann abschliessend.